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Schwerin oder Sabha? Alles das Gleiche!

Damit keiner behauptet nach dem Lesen dümmer zu sein als vorher, hier mal eine kleine geographische Exkursion: Sabha ist eine Stadt mit 94000 Einwohnern in Libyen, mitten in der Sahara. Eine Stadt in einem bürgerkriegsgeschädigten Land: 2011 war die Stadt mehrfach heftig umkämpft, da sie eine Oasenstadt mitten in der lebensfeindlichen Wüste ist. Im Sommer wird’s leicht über 40 Grad heiß. Verlässt man die Stadt ungeschützt, ist man tot. Ich musste das auch erst recherchieren.

Stellt euch jetzt vor, ihr wärt dagewesen und versucht nun euren Freunden zu erklären wie das Leben dort ist. Plötzlich unterbricht euch Einer und erklärt euch, dass er das alles schon wisse. Er sei zwar nie in Libyen gewesen, aber er käme aus Schwerin. Die Städte seinen schließlich gleich groß, wüst sei es in Meck-Pomm ja auch und seine Eltern hätten ihm auch alles erzählt über die Revolution in der DDR, damals. Revolution ist Revolution,  alles das Gleiche und so schlimm wäre es in -wie hieß das Kaff? Sabha?- also gar nicht.

Zugeben, das Beispiel ist konstruiert: Würde jemand wirklich solche Reden schwingen, würde jeder merken, dass da was nicht stimmt. Oder konstruktiver formuliert: Man unterstellt zwangsläufig ein völlige Fehlen von Einfühlungsvermögen. Warum konstruiere ich dieses Beispiel?

Weil diese arrogant-unempathische Einstellung nicht immer so offensichtlich daherkommt. Und oft ist sie um so perfider, je weniger erkennbar sie ist. Weil sich Lebenserfahrungen nicht auf einzelne Sätze reduzieren lassen. Wenn man es trotzdem versucht, tut man einem Menschen sehr schnell unrecht. Wenn es noch ein Beispiel sein darf: Hinter dem Satz „Ich hatte mal einen schlimmen Autounfall“ können sich verschiedene Bedeutungen verstecken. Es kann heißen. „Ich hatte keine Schramme, aber die Karre war noch nicht abbezahlt, ich hab arge finanzielle Probleme bekommen“. Es kann auch heißen „Mir hat jemand einen Betonklotz vor’s Auto geworfen, meine Frau wird ihr Leben lang davon gezeichnet sein“. Was „schlimm“ ist, ist nicht für Jeden gleich.

Nur weil man einen Satz, einen Tweet oder einen Facebook-Post gelesen hat, heißt das nicht, dass man beurteilen oder nachfühlen kann, was eine andere Person durchgemacht hat. „Nen schlimmen Autounfall hatte ich auch mal, ich bin da auch nicht gleich zum Therapeuten gerannt!“ Und das eigentlich erschreckende ist doch: Jeder, wirklich jeder von uns hat solche Kommentare schon gelesen, und man sortiert sie mittlerweile als „gewöhnlich“ ein. Oder?

TL;DR: Andere Menschen haben Erfahrungen gemacht, die Ihr euch nicht vorstellen könnt.

Jetzt stelle ich mir grade selbst die Frage: Warum schreibe ich das auf? Die Menschen, die ich gerade beschrieben habe, erreiche ich vermutlich nicht. Wenn ich so selbstgefällig sein darf: Zwei Tipps hätte ich. Erstens: Macht euch nicht nach zwei Minuten ein Bild von einem Menschen. Niemand ist zweidimensional. Ich habe selbst mehrfach Menschen kennengelernt, die von Ihrer Umwelt auf Ausschnitte ihres Lebens beschränkt wurden [Link entfernt] – und doch mehr waren als ein Zeitungsartikel oder ein Tweet. Es könnte fairer sein. Und zweitens, ganz eigennützig: Wer mir auf Twitter folgt oder mich persönlich kennt wundert sich vielleicht auch über mich. Ich habe auch mehrfach Erfahrungen gemacht, die Viele nicht nachvollziehen können und müssen. Ich hoffe trotzdem mehr zu sein als „Du spinnst doch“ oder „Hör auf herumzujammern“.

Kein Mensch ist zweidimensional.

P.S.: Ich maße mir gar nicht an, frei von diesem Fehler zu sein. Ich habe 2004 die vermutlich wichtigste Beziehung meines Lebens, weil meine damalige Partnerin -als es mir gesundheitlich gut ging- selbst psychisch erkrankte und ich nicht erkannt habe wie viel Hilfe sie eigentlich gebraucht hätte. Stattdessen habe ich irgendwann die Flinte ins Korn geworfen. Ich kann vielleicht schlau daherreden, aber ich hab’s auch auf die harte Tour gelernt, auf die ich nicht stolz bin.

 

 

 

Categories: Misantrophen Selbst erlebt

Zixxel

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